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"Über den Holzschneider" - von Dr.Rainer Zerbst 1999

Vernissagerede 1999 im Stadtmuseum Tübingen

... es gibt in dieser Ausstellung ein Blatt, das von Anfang an zu meinen Lieblingsbildern gehörte. Es war gewissermaßen Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß es noch genau: Ich schaute in seinem Atelier seine Holzschnitte durch, als ich einen Text über Heiner Bauschert vorbereitete. Das war vor 5 Jahren, Bauschert war schon tot. Ich habe ihn leider nie kennengelernt.

Ich blätterte also die Arbeiten durch, Frau Bauschert stand dabei, und plötzlich habe ich ganz spontan ausgerufen: Oh, das ist schön. Und mit schön meinte ich nicht etwa Ästhetisches, mit schön meinte ich den Einfall. Denn dieser Holzschnitt gehört nicht einmal zu den künstlerisch wertvollsten, und auch technisch ist er nicht unbedingt anspruchsvoll.
Bauschert brauchte gerade einmal 2 Druckstöcke, wenn überhaupt, denn der eine "Druckstock" ist nichts anderes als ein abgesägter Baumstamm, der Querschnitt eines alten Stammes, an einigen Stellen vor lauter Austrocknung schon gespalten. Diesen Stamm druckte er einfach, so wie er war, aufs Papier. Und darüber druckte er den zweiten. Den hat er nun tatsächlich ins Holz geschnitten, und das Motiv war er selbst, sein Konterfei.
Der Holzschneider im Holz
Sein Gesicht scheint wie ein Schemen aus dem Holz herauszutreten. Was hat nun ein Holzschneider im Holz zu suchen? Denn das Holz beim Holzschnitt ist streng genommen nur Mittel zum Zweck: Man will etwas drucken und braucht dazu ein Instrument: Das kann eine Metallplatte sein - für eine Radierung, das kann ein Stein sein für die sehr malerisch wirkende Lithographie, in der Schule haben wir aus Kostengründen die Kartoffel genommen - und der Holzschneider nimmt eben das Holz. Wie gesagt: ein Mittel zum Zweck - und so war es ja auch in den Anfängen des Holzschnitts. ...

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Vernissagerede Dr. Rainer Zerbst 1999

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