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"Über den Holzschneider" - von Dr.Rainer Zerbst 2010

Vernissagerede 03.10.2010 in Renquishausen

Damit mögen Bauscherts Holzschnitte zwar realistisch wirken - und die Nähe zu Naturmotiven unterstützt diese Wirkung noch -, von der Gestaltung her aber ist Bauschert abstrakter, als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Das finden Sie immer wieder - und immer in anderen Ausformungen. Nehmen wir das Bild mit der "Herbstbaumgruppe" - besonders aktuell, gerade beginnen sich ja draußen die Bäume zu färben. Ganz so weit wie die in der Gruppe von Heiner Bauschert sind sie noch nicht, aber das kommt. Die Bäume dieser Gruppe weisen verschiedene Brauntöne auf. Aber so braun dürfte Laub nur in den seltensten Fällen in der Natur vorkommen, vor allem aber finden Sie eines nicht in der Natur: Diese Formen! Sie erkennen nicht ein einziges Blatt; alles ist aufgegangen in den Gebilden der Laubwipfel, die sich in diesem Fall lang den Stamm herunterziehen. Und diese Laubwipfel haben unterschiedliche Brauntöne, eigentlich ist das kein Wogen von Baumwipfeln im Winde - sondern ein Wogen von Farbflächen, die einander durchdringen, ineinander greifen, miteinander zu einem Ganzen verschmelzen wollen - eben zum Baumwipfel.

Wenn Sie in diesem Bild einmal alles abdecken würden und nur einen kleinen Ausschnitt dieser Brauntöne sähen, dann würden Sie nicht im Traum an Bäume denken, an den Herbst, dann würden Sie das kleine Bild eher betiteln: "Symphonie in Braun", "Braune Impression" oder einfach nur "Bräune" - alles denkbare Titel. Aber Bauschert hat durchaus Bäume darstellen wollen, und wir erkennen auch jederzeit, dass es eine Baumgruppe ist. Mehr noch: Wer wie ich die Landschaft im hohen Norden kennt, der kennt auch diese Baumgruppe. die Bäume neigen sich durchaus beträchtlich in eine Richtung, das heißt: Hier kommt der Wind ständig aus derselben Richtung, nämlich vom Meer her, und den Bäumen blieb gar nichts anderes übrig, als sich im Lauf der Zeit nach links zu neigen; sie bleiben dann so, und selbst bei Windstille haben die Bäume im Norden etwas Windschiefes an sich. Ich weiß nicht, ob Heiner Bauschert den Norden kannte, ob er solche Bäume im Sinn hatte bei diesem Bild, aber es ist kaum anders denkbar - oder er hat solche Beschreibungen in der Literatur gefunden, er war ein großer Leser. Bei Theodor Storm finden Sie solche Bäume, bei Theodor Fontane, Schriftsteller aus dem Norden.

Und da erleben wir etwas ganz Seltsames: ein Künstler hat eine Komposition in Brauntönen geschaffen, hat auf jegliches Detail verzichtet, diese Bäume haben ja offenbar nicht einmal Stämme, und doch denkt jeder Betrachter sofort an eine ganz konkrete Realität. Der Grund: Bauschert hat das Wesen seiner Motive erkannt - und dieses Wesen dargestellt. Da brauchte er gar keine Details, keine feinen Linien wie sie der Kupferstecher in die Platte ritzt, da wirkt das große Eindruck. Man muss nur wissen, welche Zutaten zu dem angestrebten Eindruck nötig sind - die Art der Brauntöne, die Form der Braunflächen. Man muss tief eindringen in das Wesen der Natur, um eine solche Naturdarstellung zuwege zu bringen.

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