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"Über den Holzschneider" - von Dr.Rainer Zerbst 2010

Vernissagerede 03.10.2010 in Renquishausen

Das Holz ist eben doch ein grober Stoff. Aber - und nun kommt der große Einwand gegen diese Vorstellung vom Groben oder gar Grobschlächtigen: Linoleum ist so glatt, dass es schon fast nicht mehr natürlich wirkt. Eine Fläche vom Linoleum gedruckt, vor allem eine große Fläche, wirkt langweilig. Nichts davon hier bei diesem Bild mit dem großen Dach. Denn gerade weil die Oberfläche des Holzes so unterschiedlich ist, kann eigentlich eine Fläche gar nicht groß genug sein zum Druck, sie wird in jedem Quadratzentimeter anders aussehen. Erstens nimmt das Holz die Farbe unterschiedlich an, eine Fläche im Holzschnitt ist nie einheitlich. Sodann gibt es Unregelmäßigkeiten, es gibt sogar Löcher, Astlöcher zum Beispiel, schließlich hat dieses Holz einmal gelebt, im Unterschied zum Linoleum oder zur Metallplatte, und Leben heißt: Individualität. Heiner Bauschert hat immer wieder Hölzer gesucht, weil er, möglicherweise beim Spazierengehen, gespürt hat: Damit lässt sich etwas machen. Was, wusste er wohl noch nicht, aber irgendwann einmal fängt so ein Stück Holz an, die Phantasie anzuregen, und dann beginnt der künstlerische Prozess.

Und siehe da! Das Grobe am Holz erweist sich plötzlich als Vorzug. Im Grunde könnte sich ein Holzschneider darauf beschränken, nur die Flächen zu drucken, die ihm das Holz anbietet. An den Rändern etwas formen, Begradigen, das Holz einfärben und dann mit der Hand, mit dem Handrücken am besten, andrücken, ganz individuell. Das Resultat ist selbst bei einer einzigen Farbe eine Farbensymphonie, und zwar in den Farbdetails, den Nuancen - und immer wenn wir das Wort "Nuance" in den Mund nehmen, von "nuancenreich" reden, leuchten unsere Augen. Nuancen sind etwas Feines. So schnell kann man das Grobe hinter sich lassen. Mehr noch - und ich bleibe immer noch bei diesem einen Beispiel, dem Bild mit dem Dach: Weil der Holzschneider immer wieder auf Unerwartetes stößt in seinem Holz, weil er ständig mit Unwägbarkeiten konfrontiert ist, kommt er gar nicht auf die Idee, eine realistische Darstellung anzustreben. Von seiner architektonischen Gestaltung her wäre dieses Dach wohl kaum in der Lage, einen so breiten Schatten auf die Fassade zu werfen. Weil aber die Fläche des Daches in einem derart starken Kontrast zum Rest des Bildes steht, wirkt der Schatten, als sei er tatsächlich von diesem Dach hervorgerufen: Bauschert hat nicht ein Haus porträtiert, er hat eine ganz eigene Bildwelt geschaffen mit eigenen Gesetzen - in diesem Fall den Gesetzen der Farbwirkung -, und diese Bildwelt wird vom Betrachter wieder realistisch interpretiert.

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