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"Über den Holzschneider" - von Dr.Rainer Zerbst 2008

Bauschert hat sich stets der Natur, der Kreatur, der Schöpfung verpflichtet gefühlt, ich habe es bereits erwähnt. Vielleicht hat ihn dazu sein erster Lehrer gebracht, Hugo Lange, der in Tübingen eine private Kunstschule betrieben hat und dem blutjungen Bauschert den Rat gegeben haben soll: Ein "Schuß Natur" könne nicht schaden. Das hat Bauschert beherzigt - und der Natur ja auch weiten Raum in seinem Schaffen gegeben. Aber Bauschert war klar: nicht reine Natur, nur ein Schuß Natur, gerade soviel wie nötig. Der Rest ist Gestaltung - Gestaltung oft mit dem Holz, aber häufig eben auch mit dem Nichtholz, dem Nichtsein, das auf dem Papier als pures Weiß aufscheint. Manchmal hat er von dem Holz nur ein paar Stege stehenlassen, das waren dann ein paar Baumstämme in einer Winterlandschaft.

Eine Winterlandschaft ist weiß, also hat er vom Holz kaum etwas stehengelassen, das Papier blieb weitgehend unbedruckt, also weiß wie der Schnee. Das ist das pure Nichts, aber perfekt für die Zwecke eines solchen Bildes genutzt. Es gibt einen Holzschnitt von Heiner Bauschert, der in dieser Ausstellung leider nicht zu finden ist, ich führe ihn trotzdem an, weil er ein Musterbeispiel für Bauscherts kreative Sparsamkeit ist. Das Bild heißt "Jeansmädchen". Zu erkennen ist eindeutig eine junge Frau, Teenager hätte man wohl früher dazu gesagt. Die Frau steht ein wenig leger da, schlaksig, schlank ist sie, extrem schlank sogar, sie kann sich eine hautenge Jeanshose leisten, ist man geneigt zu sagen. Dazu langes Haar, das an den Enden am Rücken in ein paar Strähnen ausläuft; wir sehen dieses Jeansmädchen von hinten.

Selbstbild Aber wie hat Bauschert dieses perfekte Porträt zuwege gebracht. Er hat das Mädchen buchstäblich seziert, setzt den Körper aus Einzelteilen zusammen. Stellvertretend für den Kopf sehen wir nur die lang herunterhängenden Haare; der Rücken ist ganz ausgespart. An seine Stelle tritt das Weiß des Papiers. Einen Arm sieht man herunterhängen - ohne daß er an der Schulter mit dem Körper richtig verbunden wäre, und dann eben noch Gesäß und Beine - das ist die Hose mit Inhalt gewissermaßen. Und trotzdem hat man den Eindruck, ein perfektes realistisches Porträt vor sich zu haben. Holz und Nichtholz in perfekter Kombination. Das ist reine Musik, swingender Rhythmus von Fläche und Ausgespartsein - und Musik war Bauschert immer wichtig, er wollte Musik sogar einmal studieren, hörte sie andauernd - und Musik ist in dieser Ausstellung ja auch indirekt vertreten mit einem Porträt des Dirigenten Josef Krips, der heute viel zu unbekannt ist, dabei war er einer der größten Mozartdirigenten. Es gibt noch ein Beispiel für diese Kombination von Holz und Nichtholz.

Sein Bild "Selbst im Holz", es darf in keiner Bauschertausstellung fehlen. Bauschert brauchte gerade einmal zwei Druckstöcke; der eine "Druckstock" ist nichts anderes als ein abgesägter Baumstamm, der Querschnitt eines alten Stammes, an einigen Stellen vor lauter Austrocknung schon gespalten. Diesen Stamm druckte er einfach, so wie er war, aufs Papier. Und darüber druckte er den zweiten. Den hat er nun tatsächlich ins Holz geschnitten, und das Motiv war er selbst, sein Konterfei. Der Holzschneider im Holz. Sein Gesicht scheint wie ein Schemen aus dem Holz herauszutreten. Der Baumstamm - das ist pures Sein, für sein Konterfei hat Bauschert vom Holz dagegen kaum etwas stehengelassen, nur etwas zur Andeutung von Augen und Brauen, Nase und Bart, mehr nicht. Und an solchen Bildern wird deutlich, daß der Holzschneider die Hamletsche Frage etwas umformulieren muß. Es geht nicht um Sein oder Nichtsein - es geht im idealen Fall um Sein und Nichtsein. In perfekter Balance ergeben beide den Stoff, aus dem Holzschnittkunst gemacht ist.

Rainer Zerbst

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