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"Über den Holzschneider" - von Dr.Rainer Zerbst 2008

Aber weshalb ich auf Hamlet und seine Frage kam, als ich mir Gedanken für diese heutige Rede machte, hat einen sehr viel allgemeineren Grund. Ich behaupte nämlich, daß diese Frage für einen Holzschneider ganz allgemein, und dann natürlich im besonderen für Heiner Bauschert, von zentraler Bedeutung ist, mehr vielleicht als für jeden anderen Künstler, den Bildhauer ausgenommen. Denn die Frage begleitet den Holzschneider während des ganzen Schaffensprozesses. Das hat seinen Grund in der spezifischen Technik des Holzschnitts - und hier werde ich ganz kurz etwas technisch. Viele von Ihnen werden es ohnehin schon wissen. Der Holzschnitt zählt zu den Hochdruckverfahren, im Gegensatz zu den Tiefdruckverfahren. Bei einem Tiefdruck, etwa einer Radierung, geschieht, ganz verknappt gesprpchen, folgendes.

Man ritzt eine Metallplatte dünn ein. Dann walzt man Farbe darüber, wischt sie weg, nur in den Ritzen bleibt etwas zurück - und das druckt sich dann auf dem Blatt Papier ab. Ganz anders das Hochdruckverfahren wie eben der Holzschnitt. Man schnitzt aus einer Holzplatte all das weg, was nicht als Farbe auf dem Bild erscheinen darf. Der Rest, also das, was hoch erhaben übrigbleibt, wird eingefärbt, und aufs Papier gedruckt: Hochdruckverfahren. Das aber heißt: Von Anfang an ist der Holzschneider mit der Frage konfrontiert - was brauche ich, was kann weg, mit der Frage nach Sein oder Nichtsein also. Natürlich muß sich auch ein Maler gelegentlich fragen, ob er hier noch einen Pinselstrich setzen soll oder ob die Komposition schon vollkommen ist, aber für den Holzschneider ist die Frage ungleich brisanter, denn was er einmal weggeschnitten hat, ist weg.

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